Armut in Deutschland

Ein Kommentar von Helga Wolf

Armut in DeutschlandWie gestern wieder mal bei RTL gezeigt zu diesem Thema: Allein in Dortmund beziehen 60.000 Menschen Hartz IV (jeder Zehnte). Seit 7 Uhr morgens stehen nach und nach bis über 400 an, um einen Ausweis ausgestellt zu bekommen, mit dem sie einmal die Woche für zwei Euro einen Korb voller Essen bei der Dortmunder Tafel kaufen können. Lediglich 230 Ausweise sind aber zu vergeben, weil nur eine bestimmte Menge an Nahrungsmitteln vorhanden ist. Die leer Ausgegangenen werden schweren Herzens heimgeschickt, viele mit Kinder in Begleitung. Ungewiss ist, wie diese bis zum Ende des Monats satt werden.

3300 Menschen bekommen jede Woche von der Dortmunder Tafel Lebensmittel pauschal für 2 Euro, um überleben zu können. Die Tafel existiert von Spenden; diejenigen, die das Essen tagelang sammeln gehen sowie diejenigen, die direkt an der Tafel arbeiten, sind allesamt ehrenamtliche MitarbeiterInnen.

Nur eine Stadt von vielen in Deutschland. Das Wort “Arme” dürfte mittlerweile kein Tabuwort mehr sein, auch wenn diejenigen, die unter diese Bezeichnung fallen, sich trotzdem schämen. Das Wort an sich war und ist einfach zu negativ besetzt.

Das Klischee vom unwilligen Faulpelz dürfte längst überholt sein, auch wenn manche Medien ganz gerne hin und wieder ein Paradebeispiel dessen mitsamt seinen faulen Ausreden präsentieren, über die sich dann alle aufregen. Leider kommt das einer Hetzkampagne gleich, die auch alle anderen betrifft, die wirklich nichts dafür können, weil sie krank, alleinerziehend oder trotz aller Bemühungen eben keinen Arbeitsplatz bekommen.

Es bleibt auch nicht beim leeren Kühlschrank. Der ist nur das offene Zeichen dafür, wie schlecht es vielen geht. Durch das mehr als knapp bemessene Geld sind viele frühere Hobbys und Freizeitaktivitäten nicht mehr möglich - wir wissen ja, Freizeit ist teuer - das heißt, sie sind von vielem automatisch ausgeschlossen. Dadurch gehen Kontakte verloren oder entstehen erst gar nicht. Psychischen wie physischen Erkrankungen sind Tür und Tor geöffnet. Das Gefühl, für die Gesellschaft nutzlos geworden zu sein, kommt oben drauf. “Würde” ist in solchen staatlichen Abhängigkeiten ein Wort, über das besser nicht nachgedacht wird. Die Kaufkraft ist nur eine sehr kleine und der Aufruf, der Wirtschaft zuliebe die Geldscheine unterm Kopfkissen rauszurücken, einfach nur lächerlich. Wünsche bleiben unerfüllt.

Was bedeutet eigentlich “arm” zu sein bzw. “Armut?

Im etymologischen Wörterbuch stehen dazu Worte wie: mittellos, dürftig, ärmlich, armselig, elend, unglücklich, unwürdig, unglücklich und vereinsamt. Wie treffend.

Früher hieß es: Armut ist alt und weiblich. Mittlerweile ist die Armut jung geworden. Weiblich ist sie nach wie vor noch stark besetzt, da ein Großteil der Alleinerziehenden - die ja immer noch meistens aus Frauen besteht - ein sehr hohes Risiko tragen, zu verarmen.

Es wird wohl wirtschaftlich zwischen “relativer” und “absoluter” Armut unterschieden. Absolute Armut bedroht die physische Existenz. Relative Armut wird im Vergleich zum jeweiligen sozialen Umfeld gesehen und der Überblick hierzu aus Statistiken gezogen.

Müssig zu erwähnen, dass Statistiken persönlichen Situationen nicht gerecht werden.

In Deutschland wird von relativer Armut gesprochen. Ich frage mich nur, ob angesichts leerer Kühlschränke und knurrender Kindermägen nicht doch die “absolute” miteinbezogen werden sollte. Selbst wenn das Geld jeden Monatsanfang streng und unter sämtlichen Sparmaßnahmen eingeteilt wird, darf keine unerwartete Rechnung, kein kostenreicher dummer Zufall, keine schockierende Nachzahlung dazwischen kommen, weil sonst genau das passiert: Am Ende des Geldes ist noch so viel Monat übrig. Mit Zahlungen ins Hintertreffen geraten und zu versuchen, sie abzustottern, bringt den Teufelskreislauf ganz schnell ins Rollen. So geht es übrigens nicht nur denen, die gezwungen sind, von Hartz IV zu leben, sondern durchaus auch kinderreichen Familien, in denen ein oder sogar zwei Erwachsene arbeiten gehen. Da kommt ein Vorrechnen des Herrn Sarrazin, wie eine Person am Tag mit unter 4 Euro sich über Jahre gefälligst gesund zu ernähren hat - vor allem bei den heftigen Preissteigerungen -, doch sehr arrogant und unverschämt an, zumal sein Essen täglich bestimmt das mehrfache kostet und weniger Chemie enthält. Erinnert irgendwie an den Spruch: Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen!

Bei kinder-armut.de stehen für dieses Jahr folgende Zahlen:

14 % aller Kinder gelten offiziell als arm.

Seit der Einführung von ALG II hat sich die Zahl der auf Sozialhilfe oder Sozialgeld angewiesenen Kinder auf mehr als 2,5 Millionen verdoppelt.

Heute ist jedes 6. Kind unter 7 Jahren auf Sozialhilfe angewiesen. Besonders betroffen sind Kinder aus Einwandererfamilien.

Die Folgen sind nicht nur finanzieller, sondern auch gesundheitlicher Art. So ist jedes 3. Kind schon bei seiner Einschulung therapiebedürftig.

Es wird geschätzt, dass 5,9 Millionen Kinder in Haushalten mit einem Jahreseinkommen der Eltern von bis zu 15.300 Euro leben. Das sind ca. 1/3 aller kindergeldberechtigten Kinder.

Fazit: Die materielle Armut von Kindern hat sich etwa alle 10 Jahre verdoppelt.

Die Folgen sind natürlich fatal für die Kinder und auch unser aller Zukunft, denn sie haben weniger gute Chancen an Schulen und Ausbildungen danach. Es wirkt sich auf die Sprache aus (die Tage hab ich irgendwo gelesen, dass es immer mehr Jugendliche gibt, deren Wortschatz lediglich noch aus 400 Wörtern besteht), ihre Gesundheit und ihren Glauben in die Gerechtigkeit und damit auf ihren Respekt anderen gegenüber; auf die Kriminalität, Wirtschaft, Gesellschaft und damit auf jeden einzelnen von uns. Wir merken es bereits schon seit langem täglich in vielen Dingen.

Auf lange Sicht wird durch die Rentenpolitik auch wieder die Armut unter den SeniorInnen steigen. Momentan können sich etliche finanziell selbst behelfen und vielleicht liegen sogar ein, zwei Urlaube pro Jahr drin. Aber es gibt auch jene, die sich kaum ein paar Stunden Hilfe zu Hause leisten können, um möglichst lange unabhängig und selbstbestimmt in ihrer eigenen Wohnung bleiben zu können.

Rosig ist was anderes.

Artikel vom 25. Juni 2008

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