Betancourt in Paris: Heute weine ich vor Freude

Von Irina Heidkamp

Betancourt in Paris Heute weine ich vor FreudeSie ist frei. Am Freitag traf Ingrid Betancourt in Frankreich ein und wurde von dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und seiner Frau Carla Bruni-Sarkozy äußerst herzlich empfangen. In einem schlichten, schwarzen Blazer wirkte Betancourt dezent elegant und erstaunlich stark.

“Ich habe fast sieben Jahre lang auf diesen Moment gewartet”, sagte Betancourt mit belegter Stimme kurz nach ihrer Ankunft. “Ich habe so viel aus Schmerz und Erniedrigung geweint. Heute weine ich aus Freude.”

“Ganz Frankreich freut sich, dass Sie da sind. Wir sind beeindruckt von Ihrem Lächeln, Ihrer Kraft”, erwiderte der französische Präsident.

Die 46-Jährige nach fast sechseinhalb Jahren Geiselhaft aus der Gewalt linker FARC-Rebellen befreite frühere kolumbianische Präsidentschaftskandidatin wurde von ihren beiden Kindern Melanie und Lorenzo sowie vom französischen Außenminister Bernard Kouchner begleitet. Am Abend ist ein Empfang im Élysée-Palast geplant. Vor dem Élysée versammelten sich am Nachmittag bereits mehrere hundert Unterstützer. Am Samstag soll die Ex-Geisel im französischen Militärkrankenhaus von Spezialisten untersucht werden. Vor wenigen Wochen hatte es geheißen, Betancourt sei sterbenskrank. Kurz nach ihrer Befreiung wirkte sie abgemagert, aber überraschend stabil.

Unterdessen werden vereinzelt Details der Geiselhaft bekannt, so habe Betancourt die ersten drei Jahre ununterbrochen angekettet wie ein Hund ausharren müssen. Die Geiselhaft sei eine lange Zeit der „Folter, Demütigung und Erniedrigung“ gewesen.

Betancourt: „Es ist schwierig, schön zu sein, wenn man am Hals angekettet ist. Man muss den Kopf senken und sein Schicksal ertragen, ohne dass die Erniedrigung soweit geht, dass man vergisst, wer man ist.“

Zuerst habe sie nicht über ihre Erfahrungen im kolumbianischen Dschungel reden wollen. „Ich habe mir gesagt, dass diese schlimmen Details der Öffentlichkeit erspart bleiben sollten“. Ihr Glaube habe ihr geholfen, sagte die Katholikin.

Derweil ranken sich immer mehr Gerüchte über die Befreiung Betancourts aus den Händen der Rebellen. Ein Schweizer Radiosenders berichtet, die Politikerin sei in Wahrheit losgekauft worden.

Die kolumbianischen FARC-Rebellen hätten angeblich 20 Millionen Dollar für Betancourt und die 14 weiteren Geiseln bekommen, die vor knapp zwei Tagen im Südosten von Kolumbien freikamen, berichtete der Schweizer Radiosender RSR unter Berufung auf eine „glaubhafte und in den vergangenen Jahren mehrfach erprobte“ Quelle.

Hinter dem Handel stünden die Vereinigten Staaten. Die spektakuläre Befreiungsaktion mit einem Hubschrauber im Dschungel sei inszeniert gewesen.

Zusammen mit Betancourt waren am Mittwoch auch drei US-Bürger freigekommen, die mit dem US-Verteidigungsministerium zusammengearbeitet hatten und vor mehr als fünf Jahren verschleppt worden waren. Die Schweiz hatte in den vergangenen Jahren zusammen mit Spanien und Frankreich im Auftrag des kolumbianischen Präsidenten Alvaro Uribe mit der FARC verhandelt.

Artikel vom 4. Juli 2008

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