EADS und die Internationalisierung der Rüstungswirtschaft
Der milliardenschwere Rüstungsauftrag, den der europäische Rüstungskonzern EADS zusammen mit dem amerikanischen Partner Northrop Grumman in den Vereinigten Staaten an Land gezogen haben, zeigt einmal mehr, wie sich das von konservativen Kräften beeinflusste US-Verteidigungsministerium und die Spitze des amerikanischen Militärs gegenüber der rasant voranschreitenden Globalisierung verhalten. Die Entscheidung zu Gunsten des internationalen Duos hat besonders in konservativen Kreisen starke Kritik ausgelöst. Zwar handelt es sich bei dem Milliardenauftrag zur Beschaffung von etwa 180 neuen Tankflugzeugen nicht um ein Waffensystem, sondern um primär auf ziviler Technologie basierte Flugzeuge mit militärischer Funktion: schon die derzeit von der amerikanischen Luftwaffe eingesetzten und durchschnittlich etwas mehr als 40 Jahre alten KC-135 Stratotanker des amerikanischen Flugzeugherstellers Boeing, der in der Ausschreibung eine herbe Niederlage einstecken musste, waren ursprünglich zivile Flugzeuge, die für Luftbetankungsaufgaben umgebaut wurden. Es ist für international tätige Rüstungsfirmen interessant zu beobachten, wie sich der Rüstungsmarkt weltweit entwickelt. Besonderes Augenmerk hierbei gilt dem weltweit grössten Rüstungsmarkt in den Vereinigten Staaten.
Schon vor der amerikanischen Invasion im Irak war es das Hauptanliegen des amerikanischen Verteidigungsministeriums, sicherzustellen, dass amerikanische Soldaten genügend gegen chemische und biologische Waffen, welche man im Irak vermutete, gewappnet waren. Als das Pentagon Anfangs 2003 aber die Produktion von Schutzanzügen gegen ABC-Waffen intensivieren wollte, musste das amerikanische Militär Materialien aus Ländern beschaffen, welche die Invasionspläne bestimmt ablehnten. Die Polyesterfasern etwa, welche amerikanische Unternehmen zur Herstellung von Schutzanzügen verwendeten, kamen ursprünglich aus Deutschland und Österreich. Finnische und britische Unternehmen lieferten die Ösen, während sich japanische Firmen für die Kohlenstoffnaht in der Abdichtung der Schutzanzüge verantwortlich zeigten. Das Resultat war ein international zusammengeschusterter Schutzanzug, der die amerikanischen Soldaten vor den damals als die grösste vom irakischen Militär ausgehende Gefahr eingestuften biologischen und chemischen Waffen schützen sollte.
Vor allem Mitglieder des amerikanischen Kongress warnten bereits damals vor den Gefahren der Beschaffung von Rüstungsgütern aus dem Ausland. Das Pentagon aber steht ganz und gar nicht hinter den Autarkieplänen diverser konservativer Kongressmitglieder: die Armeeführung hat längstens erkannt, dass die Vereinigten Staaten schon lange kein allgemeinumfängliches Technologienmonopol besitzen und man daher nicht alleine aus Kostengründen auf ausländische Lieferanten sowie Technologien angewiesen ist. Doch auch in der Vergabe der Rüstungsaufträge an ausländische Nationen lässt sich eine gewisse Voreingenommenheit der amerikanischen Aussenpolitik erkennen.
Der grösste Rüstungspartner ist Kanada mit über 775 Verträgen (alle Daten Stand November 2005, rückwirkend das Jahre 2004 betrachtend) zur Beschaffung von Rüstungsgütern, dicht gefolgt von Grossbritannien mit 649 Verträgen. Deutschland lag im Jahre 2004 auf Platz drei mit 161 vergebenen Verträgen, gefolgt von Israel mit deren 113.
Vor allem für technologieintensive Anwendungen werden vermehrt westeuropäische Partner gesucht. Das Patriot-Lenkwaffensystem zur Abwehr von Flugzeugen und ballistischen Raketen wird in Kooperation mit den Niederlanden, Deutschland, Belgien und Grossbritannien hergestellt. Teile für Tomahawk-Marschflugkörper werden in Italien und Grossbritannien hergestellt, deutsche Firmen liefern Materialien und Technologien für Lenkwaffensysteme sowie für die eingangs dieses Artikels beschriebenen Schutzanzüge gegen ABC-Waffen. Die Globalisierung geht sogar so weit, dass die zwölf grössten amerikanischen Waffensysteme – darunter die Predator-Drohnen sowie die Tomahawk Marschflugkörper, die derzeit im Irak im Einsatz sind, ohne die Unterstützung von ausländischen Lieferanten gar nicht hergestellt werden könnten.
Sogar der nächste Hubschrauber des Präsidenten, der in Italien entworfen wurde, soll in Grossbritannien zusammengebaut werden. Das in dieser Ausschreibung siegreiche internationale Team aus amerikanischen, italienischen und britischen Unternehmen gewann gegen ein ausschliesslich amerikanisches Angebot, wie auch jüngst EADS zusammen mit Northrop Grumman über Boeing triumphierte.
Diverse amerikanische Politiker – vor allem aber republikanische Senatoren – sehen in dieser Entwicklung eine schleichende Bedrohung für die amerikanische Rüstungsindustrie. Es wird argumentiert, dass ausländische Lieferanten, die heute noch Freunde sind, vielleicht schon morgen zu Feinden werden. Diverse Pentagon-Studien sind aber zum Schluss gekommen, dass die Kooperation mit ausländischen Rüstungspartnern zum Einen die Kosten für neue Technologien sowie die Kosten zur Produktion von Rüstungsgütern optimiert, zum Anderen aber auch die politischen Beziehungen zu den betreffenden Ländern verbessert: es handelt sich also um eine win-win Situation in vielerlei Hinsicht.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Internationalisierung von Kapital: es wird immer wie schwieriger, die Grenze zwischen amerikanischen und internationalen Rüstungsfirmen zu ziehen. BAE Systems, ein in London ansässiges Unternehmen, das zu 40 Prozent amerikanischen Aktionären gehört, hat zum Beispiel diverse amerikanische Rüstungsunternehmen einverleibt und sich so eine bessere Chance im amerikanischen Rüstungsmarkt erkauft.
Eine ähnliche Strategie wandte auch der Autohersteller Toyota an: durch die Etablierung von Produktionskapazitäten in den Vereinigten Staaten konnte der Absatz im amerikanischen Markt gesteigert werden. Was für die Privatindustrie gilt, ist auch auf die schon grösstenteils privatisierte Rüstungsindustrie anwendbar. EADS hat diverse Fabrikationsanlagen in den Vereinigten Staaten eröffnet, wodurch EADS eine bessere Stellung bei Washingtons Ausschreibungen gewann. EADS stellt in Texas, Alabama und Mississippi bereits Helikopter für die amerikanische Polizei her.
Trotzdem sind die Einschränkungen immens: alle führenden Angestellten von EADS in den Vereinigten Staaten müssen amerikanische Staatsbürger sein. Die Telefonanlagen von EADS-Werken in den USA werden zudem ständig vom Verteidigungsministerium überwacht.
Gerade aufgrund der Strategie ausländischer Unternehmen, amerikanische Rüstungsfirmen zu kaufen und sich dadurch und durch die Etablierung von Produktionseinrichtungen physikalische Präsenz auf dem amerikanischen Rüstungsmarkt zu sichern, wird es sehr wahrscheinlich sein, dass auch die aus dem Milliardenauftrag für EADS erhofften Arbeitsplätze in erster Linie in den Vereinigten Staaten geschaffen werden.
Trotz aufkommender Globalisierung auch im Rüstungsmarkt bleibt der Rüstungsmarkt der USA weiterhin und wohl primär aus politisch-ideologischen Gründen ein stark restriktiver Markt, auf welchem sich internationale Unternehmen schwer tun, sich zu etablieren. Der Milliardenauftrag, den EADS an Land gezogen hat, ist daher besonders beachtlich, trotzdem dass Europa arbeitsmarkttechnisch gesehen leider grösstenteils in die Röhre schauen wird.





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Die CSU ist geschockt. Ein derart schlechtes Ergebnis hat man nicht erwartet. Ich ...
08. Juni 2008 um 15:21
Darüber kann man doch nur lachen. Die Konservativen sollten sich lieber mal darüber aufregen, daß inzwischen praktisch die gesamte US-Rüstungsindustrie von der Massenbelieferung mit billigen Computerchips aus Rotchina abhängig ist!