Experten alarmieren - Missbrauch von Medikamenten nimmt in Deutschland seit Jahren zu
Sie heißen Dextromethorphan, Tilidin oder Tramadol. Diese Wirkstoffe, die in herkömmlichen Schmerz- und Hustenmitteln zu finden sind, beschäftigen zunehmend auch Polizisten. Schließlich nutzen immer mehr Menschen Medikamente als Ersatzdrogen.
Und an diese kommen sie nach Angaben von Experten über normale aber auch gefälschte Rezepte, das parallele Aufsuchen mehrerer Ärzte, den Internethandel oder auch den Schwarzmarkt.
«Im Internet bekommen Sie alles, was Sie bekommen wollen», sagt der Arzneimittelforscher Gerd Glaeske von der Universität Bremen. Verschreibungspflichtige Medikamente könnten dort ohne Probleme erworben werden. Laut Glaeske gibt es in Deutschland bis zu 1,9 Millionen Arzneimittelabhängige. Er gehe von einer sehr viel höheren Dunkelziffer aus. «Man muss den Gefahren durch das Internet gezielt nachgehen», fordert der Arzneimittelforscher.
Seit Jahren verzeichnet das Bundeskriminalamt (BKA) einer aktuellen Studie zufolge eine konstante Zunahme bei den Straftaten nach dem Arzneimittelgesetz, zu dem auch die missbräuchliche Anwendung gehört. Nach Einschätzung des BKA handelt es sich um «ein tendenziell zunehmendes Phänomen», das schwer mit detaillierten Daten untermauert werden kann. Es fehlten Informationen der Strafverfolgungsbehörden, der Pharmaindustrie, und die Hinweise, die man habe, seien häufig nicht aussagekräftig.
Die Zentralstelle gewerblicher Rechtsschutz des Zolls stellte in den vergangenen Jahren nach eigenen Angaben zunehmend mehr Arzneimittel sicher. 2006 lag der Wert der Medikamente bei 2,5 Millionen Euro und wurde damit erstmals extra vom Zoll aufgeführt. Vor allem im Internet nahmen nach Einschätzung des BKA die Straftaten zu. Das sei auf den einfachen Bezug der gewünschten Arzneimittel, den vorhandenen Nachfragemarkt und den hohen Gewinnmöglichkeiten zurückzuführen. Deshalb ist es laut BKA-Studie notwendig, den Handel mit verschreibungspflichtigen Arzneien über das Internet mit Kontrollen zu begleiten und Handelsbeschränkungen zu prüfen.
Glaeske zufolge liegt bereits eine missbräuchliche Nutzung von Medikamenten vor, wenn sie zu lange und ohne medizinische Notwendigkeit eingenommen werden. Dazu gehörten rezeptfreie Abführ-, Kopfschmerz-, Husten- und Schnupfenmittel, die eine dauerhafte Abhängigkeit herbeiführen könnten.
Ein hohes Abhängigkeitspotenzial birgt das Opiat Tilidin in sich. Nach Angaben der Berliner Polizei betreffen beispielsweise 80 Prozent aller Rezeptfälschungen in der Hauptstadt Tilidin. Das Landeskriminalamt stellte im vergangenen Jahr etwa 1800 gefälschte Rezepte in Berlin sicher. Vor allem männliche Muslime missbrauchten den euphorisierenden Wirkstoff, da es sich dabei um keine anerkannte Droge handele und der Konsument somit nicht die Regeln des Koran verletze.
Tilidin führt nach Angaben eines Polizeisprechers unter anderem zu seelischer Gleichgültigkeit. Es senke die Hemmschwelle zur Gewalttätigkeit und sei bereits bei einigen Fällen der Körperverletzung bei Tätern nachgewiesen worden. «Die Apotheker sind jetzt sehr kritisch und schauen sich die Rezepte sehr genau an», sagt der Leiter der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker in Eschborn, Thomas Beck. Doch über das Internet ließen sich Medikamente und Wirkstoffe leicht besorgen.
Der Chefarzt der Fliedner Klinik in Berlin und Professor für Psychiatrie, Markus Theodor Gastpar, sieht das Grundübel allerdings woanders. «Die sorglosen ärztlichen Verschreibungen von Medikamenten sind problematisch», sagt Gastpar. Auch der Leiter der Suchtabteilung des Bezirkskrankenhauses München-Ost, einer der größten einschlägigen Einrichtungen Deutschlands, Felix Tretter vertritt diese Meinung.
Auf die Kritik reagierte die Bundesärztekammer im Sommer mit einem Leitfaden für Ärzte. Dieser bietet unter anderem praktische Hilfen zur Kontrolle des eigenen Verschreibungsverhaltens und zum Umgang mit Medikamentenabhängigen.
DCRS meint: Halten wir unser Leben nur noch zugedröhnt aus ?!
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