Ingrid Betancourt erfreut sich bester Gesundheit

Von Irina Heidkamp

Ingrid Betancourt erfreut sich bester GesundheitAm Samstag ist die befreite FARC-Geisel Ingrid Betancourt in Paris von einem Top-Medizinern im Militärkrankenhaus Val-de-Grace in Paris eingehend untersucht worden. Sie erfreut sich nach dem Ergebnis der Ärzte bester Gesundheitund hat den mehrjährigen Aufenthalt im Dschungel offenbar ohne größere körperliche Schäden überstanden. Über den psychischen Zustand von Betancourt wurden keine weitergehenden Angaben gemacht.

Jüngst erklärte die 46jährige Politikerin, sie freue sich, dass ihr Terminkalender völlig leer sei. Sie wolle diesen nämlich ab sofort nur mehr mit Glück füllen. Ärzte verordneten ihr Ruhe. Die Verarbeitung ihrer fürchterlichen Erfahrungen wird wohl Jahre dauern.

Die Ärzte im Militärkrankenhaus Val-de-Grâce in Paris hätten sie nach mehrstündiger Untersuchung “mit guten Nachrichten überhäuft”, sagte Betancourt dem Sender France 3. Sie sei überrascht von dem Befund, zumal sie über sechs Jahre im Dschungel verbracht habe. “Aber der Geist hilft, dass der Körper durchhält”, sagte sie.

Trotz des von den Ärzten bescheinigten guten Gesundheitszustands sei ihr aber empfohlen worden, sich jetzt auszuruhen. Es werde noch einige zusätzliche Untersuchungen geben, wurde ihre Schwester Astrid Betancourt auf der Internetseite von “20Minutes” zitiert, aber es gebe “nichts Alarmierendes”.

Am vergangenen Mittwoch war Betancourt zusammen mit 14 weiteren FARC-Geiseln aus den Händen der Rebellengruppe befreit worden. Das kolumbianische Militär hatte sich nach eigenen Angaben in die Reihen der Rebellen eingeschlichen und befreite die Geiseln mit einer List. Sie wurden mit einem getarnten Helikopter ausgeflogen. Als der Helikopter in der Luft war, wurden die Bewacher überwältigt, die Geiseln waren frei.

Die spektakuläre Aktion ist etwa zehn Tage vorgezogen worden. Es wurde befürchtet, die Guerilla könnte von der Aktion erfahren und die eingeschleusten Agenten enttarnen, sagte der kolumbianische Verteidigungsminister Juan Manuel Santos in Madrid. “Die Gefahr, dass etwas durchsickern könnte, war sehr groß.” Das Risiko für die Entführungsopfer sei jedoch minimal gewesen.

Der Minister wies auch Berichte zurück, es sei Lösegeld gezahlt worden. Diese Behauptung sei bloß ein Versuch, die Operation “Jaque” (Schach) in Verruf zu bringen. Zudem betonte er, es habe sich um einen “hundertprozentig kolumbianischen” Einsatz gehandelt. “Wir haben den Köder ausgeworfen, und der Fisch hat angebissen”, sagte Santos. “Als er angebissen hatte, haben wir Präsident Alvaro Uribe gefragt, ob wir den Fisch aus dem Wasser ziehen sollten”, fuhr er fort. Der Staatschef habe ohne zu zögern grünes Licht gegeben.

Betancourt war im Februar 2002 von der linken Rebellengruppe “Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens” (FARC) verschleppt worden.

Unterdessen tauchen Gerüchte auf, Betancourt sei im Dschnungel vergewaltigt worden und habe ständig mit dem Gedanken gespielt, sich selbst umzubringen. In einem Interview gab sie einen kleinen Einblick in die Grausamkeiten der Geiselhaft.

Die Geiselnehmer hätten sie entsetzlich behandelt. Betancourts Sorge gilt jetzt denen, die noch im Dschungel festgehalten werde.

Ingrid Betancourt, die nach mehr als sechs Jahren aus der Hand der kolumbianischen Farc-Rebellen befreit wurde, hat sich zu ihrer Gefangenschaft im Dschungel geäußert. Dem französischen Fernsehen berichtete sie nach Angaben der englischen Tageszeitung „The Guardian“ von der Brutalität ihrer Bewacher.
Betancourt gab demnach an, sie sei häufig an einen Baum gefesselt worden. Wenn die Guerillas schlecht gelaunt gewesen seien, hätten sie die Kette um ihren Hals enger gezogen, so dass ihr das Atmen schwer gefallen sei.

Sie sei entsetzlich behandelt worden, so Betancourt. „Ich würde so kein Tier behandeln, vielleicht nicht einmal eine Pflanze“, sagte sie über den Umgang der Entführer mit ihr.

Während ihrer Gefangenschaft sei sie vom Gedanken an Selbstmord verfolgt worden. „Der Tod ist der treueste Gefährte einer Geisel“, sagte sie. „Wir lebten mit dem Tod.“ Die Versuchung, Selbstmord zu begehen, sei stets präsent gewesen.

Betancourt berichtete dem französischen Fernsehen auch von ihren gesundheitlichen Problemen. Sie habe unter Dschungelkrankheiten gelitten und sich nach dem Essen häufig übergeben müssen.

Zu ihrer besonderen Situation als Frau unter zahlreichen Männern äußerte sich Betancourt nur vage. Sie habe voll bekleidet in Flüssen gebadet, da die männlichen Wachen sie angestarrt hätten. Als sie gefragt wurde, ob sie vergewaltigt worden sei, antwortete sie: „Ich habe schmerzhafte Dinge erlebt (…) aber ich will jetzt nicht darüber sprechen, denn jetzt ist eine Zeit der Freude.“

Am Donnerstag hatte Betancourt bei einer Pressekonferenz in Paris ihren Unterstützern gedankt. Nach Angaben des US-Nachrichtensenders CNN erklärte sie: „Ich bin so tief bewegt und überwältigt. Seit ich befreit wurde, kann ich nur noch weinen. Jetzt will ich nicht weinen. Ich werde versuchen mich zusammenzureißen, aber ich will euch alle umarmen, jeden Einzelnen von euch. Ich verdanke euch mein Leben, ich verdanke euch alles.“

Zu ihrer Lage während der Geiselhaft sagte Betancourt laut CNN: „In dieser Umgebung, wo alles feindlich ist, wo alles gefährlich ist (…), ist Gott anwesend, und vor allem wart ihr dort, ihr alle, denn ich wusste, dass ich von eurer Liebe getragen wurde.“
Es habe im Dschungel praktisch kein Sonnenlicht gegeben, sagte Betancourt. „Ich konnte den Himmel nie sehen. Der Dschungel war wie ein riesiges grünes Dach über meinem Kopf. So sehr ich die Natur liebe – das war zu viel.“
Furcht einflößend waren für die Politikerin auch die Tiere im Urwald. Die Bäume seien voll gewesen „ von Tieren, die bedrohlicher sind als alles, was ich mir vorstellen kann.“ Alles im Dschungel „kann einen beißen oder stechen.“ Es handele sich um „eine absolut feindliche Umgebung mit gefährlichen Tieren. Das gefährlichste Tier dort ist natürlich der Mensch.“
“Sein Leben wurde ihm gestohlen”´

Betancourt sorgt sich nun um die verbliebenen Geiseln der Farc-Rebellen. Man dürfe sie nicht dort lassen, sagte sie: „Dort, wo sie sind, leiden sie, und sie sind allein.“
Viele der ehemaligen Mitgefangenen hätten keinerlei Hoffnung. Betancourt berichtete von einem Mann, der im Alter von 18 Jahren entführt wurde. „Jetzt ist er 28“, sagte sie. „Er hat keine Frau, keine Familie, sein Leben wurde ihm gestohlen.“
Die Bemühungen um die Freilassung der übrigen Geiseln könnten allerdings schwierig werden, so Betancourt. „Jetzt, wo all dies passiert ist, will die Farc vielleicht nicht mehr reden, weder mit (Venezuelas Staatschef Hugo) Chavez, noch mit (Kolumbiens Präsident Alvaro) Uribe, noch mit irgendjemanden.“

Artikel vom 6. Juli 2008

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