Punker und Penner gegen unliebsame Mieter einquartiert

Von Stefan Marx

In der Drausnickstraße ist die Polizei zwischenzeitlich DauergastIn der mittelfränkischen Studentenstadt Erlangen tobt ein erbitterten Streit zwischen einem Hausbesitzer und rund 20 Mietparteien. Das ehemalige Kasernengebäude in der Drausnickstraße 1 soll grundlegend saniert und in Studentenwohnungen umgewandelt werden. Dazu müssen die langjährigen Mieter, die in Wohnungen mit Kohlenheizung und Etagenklos für rund 390 Euro für 112 Quadratmetern wohnen ausziehen. Manche wohnen schon ihr halbes Leben dort.

Die Vermieterin, eine Immobilienfirma aus Stuttgart hat sich nun etwas ganz besonderes einfallen lassen, um die leidig gewordenen Mieter nun hinaus zu komplimentieren.

In Erlangen wurden Flugblätter in einschlägigen Szenen verteilt mit der Aufschrift: „Eigentümer stellt in kalter Jahreszeit kostenlos Wohnraum zur Verfügung, einfach hingehen und selber einquartieren“, stand darauf. Als Extra-Service wurden alle vermeintlich leeren Wohnungen in der Drausnickstraße 1 mit einem Kreuz markiert. Dummerweise landete auch auf der Tür von Mieter Daniel Pesch ein solches Kreuz - der dachte aber gar nicht daran, auszuziehen. Seine Tür wurde trotzdem eingetreten.

Für die etwa 20 verbliebenen Mietsparteien in der 1864 erbauten ehemaligen Kaserne ist das Leben seit einiger Zeit ziemlich ungemütlich. In ihrer Nachbarschaft haben sich Penner und Punker einquartiert. Laut Flyer sollen sich schließlich „alle in der Weihnachtszeit richtig wohlfühlen“.

Seiner Mandantschaft liege viel daran, dass „ausgegrenzte Menschen eine Bleibe“ hätten, sagt der Nürnberger Rechtsanwalt Siegfried Deloch, der die Stuttgarter Eigentümer-Firma vertritt.

Die Erlanger Polizei glaubt an weniger edle Motive. „Ziel dieser Aktion ist offenbar, das Haus leerzubekommen, damit die Renovierung starten kann“, mutmaßt Polizeioberrat Stefan Glaser.

Leopoldine Ettinger ist mit ihren 66 Jahren fest in der Drausnickstraße verwurzelt. In den letzten 30 Jahren hat sie sich auf 112 Quadratmetern ein kleines Museum zusammen gesammelt. Ausziehen will und kann sie trotz Kohlenheizung und Etagenklo nicht. „Wo soll ich denn in meinem Alter mit all den Puppen hin?“, fragt sie. Außerdem sind die Mieten unschlagbar günstig: Nur 390 Euro zahlt sie monatlich. Mit den geplanten Studentenwohnungen lasse sich mehr verdienen, schätzen Experten. Deshalb machte der Eigentümer auch großzügige Angebote für Umzugsbeihilfen. Aber längst nicht alle der 65 Haushalte wollten so schnell das Feld räumen.

Weil den Auszugswilligen gesagt wurde, sie könnten Überflüssiges zurücklassen, türmt sich in den Hausfluren nun das Gerümpel. Die Eingangstür zum Treppenhaus wurde mit Bauschaum unbrauchbar gemacht, Kellerabteile wurden aufgebrochen. Dort stehen noch Öltanks frei zugänglich herum. In den Gängen zeugen kleine Rinnsale von den Hinterlassenschaften der neuen Nachbarn von Leopoldine Ettinger.

In der Dunkelheit traut sie sich kaum noch aus ihrer Wohnung. Dabei fühlt sie sich auf dem Flur, in ihrem selbst angelegten kleinen Dschungel, am wohlsten. „Aber mir wurde schon hinterhergespuckt“, sagt die ehemalige Siemens-Angestellte. „Das ist psychischer Terror.“

Höhepunkt der schikanösen Entmietungsaktion war eine Hausbesetzung, für die eigens aus Nürnberg 50 Punker angekarrt wurden. Die Erlanger Polizei rückte mit 40 Beamten an, um die Situation unter Kontrolle zu halten. Als sie die Personalien der Beteiligten aufnehmen wollten, hieß es, sie nähmen doch nur an einer privaten Party eines Hausbewohners teil. Ihnen seien Bier und Pizza versprochen worden. Bis kurz nach Mitternacht blieben die „Gäste“. Nur wenige gingen freiwillig, nachdem die Polizei sie aufgeklärt hatte, vor wessen Karren sich die Autonomen hier hatten spannen lassen.

Wegen der eingetretenen Tür von Daniel Pesch ermittelt die Polizei inzwischen wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch. „Wir prüfen, ob wir die Staatsanwaltschaft wegen Nötigung der Mieter durch den Hauseigentümer einschalten“, sagt Polizeioberrat Glaser. Rechtsanwalt Deloch dagegen meint: „Gegen Gesetze verstößt die Eigentümerin nicht.“

Man sei nicht an einer Eskalation interessiert. Deloch vertrat bereits 2001 einen Geschäftsführer, dem das ungenehmigte Herausreißen der Fenster und Sanitäranlagen sowie das Absperren der Gasleitung in einem Nürnberger Anwesen zur Last gelegt wurde. Der damals Beschuldigte soll auch bei der Erlanger Drausnickstraße involviert sein.

Nach Delochs jüngster Ankündigung, nun noch eine Suppenküche in der Drausnickstraße einzurichten, solidarisieren sich auch linke Gruppen mit den Mietern. Eine Gruppe namens „A.W. Süd“ ruft für diesen Samstag zu einem „Fest mit den Mietern und nicht gegen sie“ auf. Den neuen „Mietern“ wird eindringlich ins Gewissen geredet: „Es hat absolut nichts mit Punk zu tun, in ein Haus einzuziehen, um den Handlanger für den Besitzer zu spielen und bisherige Mieter herauszuekeln.“

DCRS ONLINE meint: Ob die Hausbesitzerin ihre herbei gekarrten Hausbesetzer dann auch wieder los wird, wenn die Bagger kommen sollen ?! Hier könnte es fast sein, dass man sich selbst eine Falle gestellt hat.

Artikel vom 14. Dezember 2007

Eine Antwort zu “Punker und Penner gegen unliebsame Mieter einquartiert”

  1. Ich² meint:

    “Punker”, “Autonome” und “Penner” in einen Topf zu werfen ist verdammt dreist. Dafür sollte man vielleicht dem Autor mal die Tür eintreten. Ich glaube es hakt.

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