Schengen -Erweiterung: Weniger Sicherheit, wirtschaftliche Pleiten
Wenn die Politiker wie Honigkuchen-Pferdchen strahlen, heißt das noch lange nicht, dass auch die Bürger mit der Arbeit der Mächtigen zufrieden sind. So sind die Gefühle im bayerischen Örtchen Philippsreut hinsichtlich des erweiterten Schengen-Abkommens eher depressiv und misstrauisch. Man rechnet mit wenig Gutem durch die offenen Grenzen nach Tschechien. Vielen wäre es lieber gewesen, wenn alles so geblieben wäre, wie es war.
Das kleine Dorf Philippsreut in Niederbayern wimmelte am Freitag von Polizisten. Denn ein Hubschrauber mit Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) an Bord befindet sich im Anflug. In der Nacht sind die Grenzkontrollen zum Nachbarland Tschechien weggefallen, das wollen die Politiker groß feiern. Gemeinsam mit dem tschechischen Regierungschef Mirek Topolánek posiert Beckstein für Kameras und beseitigt den letzen Grenzposten.
Doch im verschneiten Philippsreut mit seinen 750 Einwohnern will keine Feierstimmung aufkommen. Im Gasthof „Zum Pfenniggeiger“ blickt Gerhard Praxl traurig in sein Bier. Seit Punkt Mitternacht hat er keinen Job mehr.
Er war beim Winterdienst beschäftigt. Gemeinsam mit einem Kollegen hat Praxl jedes Jahr von November bis Mai den Schnee auf dem Parkplatz weggeräumt. Doch mit dem Wegfall der Kontrollen braucht den Parkplatz keiner mehr, er ist nun geschlossen - ebenso wie das gelbe Gebäude der Grenzpolizisten. In seinem Heimatdorf wird Praxl wohl kaum einen neuen Job finden. „Hier stirbt alles aus“, sagt er und nimmt einen Schluck Bier. Wie es weitergeht, weiß er noch nicht.
Am Morgen haben sich Praxl und sein Kollege von den Grenzpolizisten verabschiedet. „Die Zusammenarbeit war vom Feinsten“, schwärmt er. Die meisten der 50 Beamten wurden auf andere Dienststellen verteilt, andere arbeiten nun für die Schleierfahndung. Ein Nachbar im Ort muss wegziehen, sein Haus steht zum Verkauf. Die Einheit der Grenzpolizei Philippsreut wurde um Mitternacht aufgelöst. „Es gab Tränen“, berichtet der Kollege von Praxl.
Der Besitzer des Gasthofs, Jürgen Fenzl, fürchtet finanzielle Verluste. „Die Polizisten sind immer nach Feierabend zum Essen gekommen“, sagt der junge Mann mit den blonden Haaren. Ihre Plätze werden in Zukunft leer bleiben. Neue Kunden wird der Wegfall der Grenzkontrollen kaum bringen, glaubt Fenzl. „Drüben ist das Essen ja viel günstiger als bei uns.“
Vor dem offiziellen Festakt schaut der Bürgermeister noch auf einen Kaffee im Wirtshaus vorbei. Er kennt die Sorgen. „Philippsreut gehört zu den großen Verlierern“, sagt CSU-Politiker Alfred Schraml. Insgesamt seien bei Zoll, Polizei und Spedition 220 Arbeitsplätze weggefallen. Doch der Bürgermeister hat große Pläne: In dem leerstehenden Gebäude der Polizei soll ein grenzüberschreitendes Gewerbegebiet entstehen - und damit irgendwann neue Arbeitsplätze. Auch sechs neue Wanderwege sollen Tagestouristen in den Ort locken.
Bislang sieht man Besucher aus Tschechien in Philippsreut eher selten. Einige kommen zum Skifahren. Doch die meisten führen auf der Umgehungsstraße am Ort vorbei - zu Aldi oder Lidl in den größeren Gemeinden, sagt der Wirt. Die Dorfbewohner hingegen fahren nur zum Tanken über die Grenze.
Der Besitzer einer Schreinerwerkstatt im Ort wird sich nach dem Wegfall der Kontrollen nun eine Alarmanlage kaufen. Rund 2000 Euro will Josef Springer investieren. Denn er fürchtet Diebe aus
Tschechien. „Wenn sie meine Werkstatt ausräumen, sind sie ja sofort über die Grenze“, sagt er. Die Polizei habe auf der kurzen Strecke kaum Möglichkeiten, sie zu erwischen. Springer berichtet, dass ihm schon zwei Autos aufgebrochen wurden. Das sei allerdings mindestens zehn Jahre her, räumt er ein.
Der Bürgermeister reagiert auf diese Sorgen einiger Dorfbewohner leicht genervt: „Sie brauchen keine Angst zu haben“, betont Schraml. Ein konkretes Argument hat er aber offenbar auch nicht.
Die Grenze sei bereits seit 1990 offen, außerdem gebe es ja weiter Kontrollen. Seit Mitternacht waren laut Polizei in der Umgebung von Philippsreut acht Fahrzeuge mit Schleierfahndern unterwegs. Sie haben Autos kontrolliert, etwas Illegales entdeckt haben sie bislang nicht.
DCRS meint: Es wird sich zeigen, ob sich Beckstein und Co. nicht ein bisschen zu früh gefreut haben.
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