Schönheit muss leiden

Ein Kommentar von Helga Wolf

Ein altes Sprichwort und es beinhaltet so viel Wahres. Die Mode hat schon immer Leidvolles diktiert und geschaffen, daran hat sich bis heute nichts geändert. Früher mussten sich die Frauen bis zu Ohnmachtsanfällen in Korsetts schnüren, heute sind sie nicht weniger ohnmächtig gegen den sozialen Druck, der von außen auf sie ausgeübt wird, damit sie dem vorgegebenen Ideal entsprechen.

Einen Unterschied sehe ich allerdings zwischen natürlicher Schönheit, die auch “Schwächen” haben darf und der ewigen Jagd nach der perfekten Schönheit, die auch vor schrecklichen Operationen und quälenden Verfahren nicht zurückschreckt.

Schon ganz oft habe ich festgestellt, dass eine Person alleine durch ihre Präsenz alle Augen auf sich ziehen kann und das, obwohl sie bei näherem Hinsehen Hüftgold besitzt, zu schmale Lippen oder nicht nach dem neuesten Schrei gekleidet ist. Diese aus der Schönheitsnorm - das Wort klingt sehr nach Fabrikation - springenden “Schwächen” fallen gar nicht auf, weil die Person Charisma hat, durch ein schönes Lächeln, interessierte wache Augen oder Bewegungen und Sprache einnimmt oder die äußerlichen Besonderheiten in Perfektion zu ihr passen. Das verstehe ich unter natürlicher Schönheit.

Durch den Einfluss der Schönheitsindustrie geht uns unglaublich viel Individualität verloren, es reiht uns ein in die Masse, lässt uns keinen Raum mehr, uns selber zu entwickeln, unterliegen wir gemeinschaftlichen und persönlichen Zwängen.

Die Frauen waren schon immer vorwiegend das anvisierte Ziel dieses Apparates. Mittlerweile wird mit Männern und Kindern auch viel Geld gemacht. Bei jeder 5. Schönheitsoperation werden die Skalpelle über einem Mann gewetzt. Trotzdem sind es vor allem immer noch die Frauen, die sich regelrecht verstümmeln und bis zur Selbstaufgabe quälen lassen, nur um als schön zu gelten und damit sie ihr eigenes Spiegelbild ertragen können. Aber gelingt es ihnen wirklich oder mutiert das dann nicht zu einer lebenslangen Jagd nach der Perfektion?

Bereits Kindern und Jugendlichen wird eine ganz bestimmte Schönheitsnorm gesetzt und so kommt es, dass sich schon junge Mädchen eine Brustoperation zum Geburtstag wünschen. Eltern, die das kritiklos hinnehmen oder letzten Endes auch nach zermürbenden Diskussionen mit ihren Kindern den Scheck unterschreiben, gibt es zur Genüge, sind sie doch selber schon mit diesen Trends aufgewachsen. Meist ist die erste OP der Anfang einer langen Liste, die die Mädchen, aber auch Erwachsene, bereits im Kopf haben. Danach kommt das Aufspritzen der Lippen, das Begradigen der Nasenhöcker, das Strecken der Beine. Ab 30 ist das Wegspritzen der Zornes- und Lachfalten angesagt, erschlaffende Kinnkonturen müssen gestrafft werden, Orangenhaut behandelt, Fett wird tonnenweise abgesaugt. Obwohl an sich gesunde PatientInnen? über die Risiken Bescheid wissen, scheint die Verzweiflung groß genug zu sein, um an sich herumschneiden zu lassen und legen damit höchste Priorität in gefährliche Operationen, die mit den früheren OP-Notwendigkeiten nichts mehr gemeinsam haben.

2004 war die USA absoluter Spitzenreiter: 11,9 Millionen Eingriffe, wie die Amerikanische Gesellschaft für Ästhetische und Plastische Chirurgie berichtete. Platz 2 und 3 belegten die Mexikaner und Brasilianer und wir Deutsche kommen auf Platz 6 gleich nach den Japanern und Spaniern. Die Gesamtzahl aller chirurgischen Eingriffe in Deutschland beliefen sich 2006 auf 400.000, die Faltenbehandlungen nicht mit einberechnet. Letztere haben sich um 64 % erhöht im Vergleich zu den Vorjahren, Tendenz steigend. Altern ist bitter in einer Zeit, die dem Jugendwahn verfallen ist und Alte nichts mehr wert zu sein scheinen.

Die Wirtschaft reibt sich die Hände.

Die immer mehr um sich greifende Bulimie ist eine von der Schönheitsindustrie geförderte Krankheit. Wie viel Selbsthass wird uns da eigentlich eingeimpft von klein auf? Wie viel Gleichgültigkeit, Egoismus und Verachtung stecken hinter einer solchen massiven Beeinflussung? Kleidergrößen 34 - 38 sind nach wie vor das Traumziel überhaupt. Kurvenreiches ist tabu, es sei denn, es handle sich dabei um aufgepumpte Brüste.

Was veranlasst Frauen durch jahrelanges Tragen von High-Heels ihre Füsse zu deformieren oder sich komplizierte Brüche und Bänderzerrungen zuzuziehen? Warum boomen seit Jahren die Push Up-BHs und bestimmen die Kaufhausabteilungen für Unterwäsche? Warum foltern sie sich mit Heißwachs und riskieren täglich ihre Gesundheit, fördern Allergien durch Auftragen von teuren Antifalten-Cremes und Masken, blondieren ihre Haare, verhindern silberne Strähnen? Übrigens gibt es mittlerweile eine anerkannte Bräunungssucht, die den überall aus dem Boden sprießenden Sonnenstudios zugute kommt. Es ist immer wieder eine Überraschung wert, im Winter Leuten zu begegnen, neben denen ein Massai blass aussehen würde.

Warum wird nicht das natürliche Selbstbewusstsein, das uns von Geburt an mitgegeben wurde, gefördert und unterstützt? Dieses normale und angeborene ICH-Gefühl, das an sich durch nichts zu erschüttern ist, außer es wird von allen Seiten torpediert und negativ besetzt? Wenn ein Kind “Nein” sagt, warum wird das nicht als solches respektiert? Warum werden aus kleinen Mädchen bereits “Lolitas” gemacht? Wieso wird Kindern von klein auf von allen Seiten vermittelt, dass nichts an ihnen in Ordnung ist?

Letzten Endes kann unser Ziel doch nicht darin liegen, möglichst perfekt zu sein, uns über andere bzw. nur über unser Aussehen definieren zu lassen, sondern eher darin, zu unseren angeblichen Schwächen - die übrigens durchaus auch unsere Stärken sein können - zu stehen und sich damit auseinander zu setzen; die Hintergründe, den Druck und die Inbesitznahme derjenigen zu erkennen, die uns schaden wollen und die sich damit grinsenderweise einen golden Hintern verdienen; Zu erkennen, dass wir das nicht nötig haben und uns damit eine gewisse Unabhängigkeit, Individualität und Freiheit schaffen UND uns die Gesundheit nicht für eine fabrikative, zweifelhafte und dennoch vergängliche Schönheit kaputt machen lassen.

Artikel vom 23. Juli 2008

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