Spionage- Affaire: Punktverlust und Geldstrafe für Rennstall McLaren- Mercedes

Von Louis Richter

Ein harter Schlag für McLaren (Foto: Patrik Stollarz / ddp)Nun ist es amtlich. McLaren-Mercedes hat spioniert und verliert deshalb einen fast sicheren Titel. Der britisch- deutsche Rennstall wird zudem aus der Konstrukteurs-WM ausgeschlossen und muss eine Rekord- Geldstrafe bezahlen. Hintergrund ist die Spionage- Affäre in der Formel 1. Ausgerechnet der Erzrivale Ferrari profitiert von dem Urteil.

McLaren-Mercedes muss demnach 100 Millionen Dollar (rund 72 Millionen Euro) Strafe zahlen und es werden alle Zähler in der Teamwertung aberkannt. Nach einer 7stündigen Verhandlung in Paris des Weltrats des Internationalen Automobilverbandes FIA stand das Ergebnis fest. Einzig die Fahrer des Rennstalles bleiben, auf Grund der besonderen Umstände, verschont.

“Dieses Urteil ist ein Schock für alle im Team und, wie Reaktionen bei Medien und Formel 1-Publikum zeigen, auch für weite Teile draußen”, erklärte der selbst schockierte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug zu dem Urteil.

„Wir kämpfen jetzt erst recht mit aller Entschiedenheit weiter, um auf der Rennstrecke Antworten zu geben, wie zuletzt in Monza, und neben der Rennstrecke vor Gericht Gerechtigkeit zu finden“ sagte Haug weiter und ließ damit auch die Möglichkeit weiterer Rechtsmittel offen. Am 26. Juli war das Team bei einer ersten Anhörung noch aus Mangel an Beweisen und auf Bewährung freigesprochen worden. Der Rennstall kann sich dennoch in gewisser Hinsicht glücklich schätzen. Bei einer neuen Beweislage drohte nämlich auch der komplette Ausschluss aus der laufenden und der kommenden Saison. Davor ist man bislang verschont geblieben.

Tatsächlich hatte sich eine neue Beweislage eingestellt. In der vergangenen Woche war ein brisanter Email- Verkehr zwischen Weltmeister Fernando Alonso und Ersatzfahrer Pedro de la Rosa aufgetaucht.

Bislang sind die genauen Gründe des Weltrates für die Entscheidung noch nicht bekannt. Diese sollen am Freitag, drei Tage vor dem Großen Preis von Belgien in Spa-Francorchamps, dem 4letzten Rennen der Saison, bekannt gegeben werden.

Damit hat das Drama für McLaren-Mercedes aber noch kein Ende, denn im Dezember will der FIA-Weltrat erneut über die Möglichkeit von Sanktionen gegen den Rennstall beraten und entscheiden. Das teilte der FIA in einer Pressemeldung mit. In gleicher Meldung wurde bekannt gegeben, dass im Fall eines Sieges eines McLaren- Piloten in der aktuellen Saison kein Repräsentant des Teams auf dem Podium erscheinen darf.

Lewis Hamilton, der mit 92 Punkten weiter vor Alonso (89) die WM-Wertung anführt, hatte sich vor der Anhörung noch zuversichtlich gegeben: „Wir sind ein Team. Ich fühle mich entspannt und ich bin zuversichtlich für heute“.

Ferrari, Erzrivale von McLaren-Mercedes, profitiert und ist beglückt. „Ferrari ist zufrieden, dass die Wahrheit ans Licht gekommen ist”, erklärte die Scuderia in einer Pressemitteilung. Für den Rennstall bedeutet die Entscheidung des Weltrates des FIA die erste Chance seit Michael Schumacher, auf einen WM-Erfolg. “Die Weltmeisterschaft am Grünen Tisch zu gewinnen, wäre auf jeden Fall ein verdienter Sieg”, hatte Ferrari- Chef Luca di Montezemolo vor der Anhörung geäußert. Sportlich, allerdings, hätte es die Marke aus Maranello wohl auch in diesem Jahr nicht geschafft. Ein Armutszeugnis?

Die Italiener gehen nun als Spitzenreiter der Teamklasse mit 143 Punkten in die restlichen Rennen. Dahinter rutscht BMW-Sauber (86) auf Platz 2. “Ein so gewonnener, zweiter Platz macht natürlich nicht so Spaß wie ein zweiter Platz, der auf der Strecke herausgefahren wird”, meinte BMW-Sauber-Pilot Nick Heidfeld. Doch der fehlende Spaß wird durch die hohen Geldprämien und einer guten Platzierung innerhalb der Rangordnung in der Boxengasse wett gemacht. McLaren befindet sich im kommenden Jahr mit seinem prachtvollen Motorhome dann in ungewohnter Nachbarschaft von Super Aguri oder Spyker am Ende der Boxengasse.

Auslöser der Spionage- Affäre waren offenbar die beiden hochrangigen Mitarbeiter Ex-McLaren-Chefdesigner Mike Coughlan und Ferrari-Chefmechaniker Nigel Stepney. Sie wurden unmittelbar nach dem Bekanntwerden suspendiert. Coughlan hatte ein 780 Seiten starkes Ferrari-Dossier am 28. April von Stepney erhalten. In einer eidesstattlichen Erklärung, veröffentlicht auf dem Internetmagazin „autosport.com“, versicherte Coughlan aber, dass die Informationen bei McLaren-Mercedes keine Verwendung gefunden hätten.

Ein Ende der Skandale ist nicht in Sicht. Der McLaren-Mercedes Prozess wird sich vermutlich noch über weitere Instanzen fortsetzten und ein weiterer Skandal steht bereits im Hause Renault an. Auch dem französischen Formel 1 Rennstall wird, laut einem Bericht des Magazins „auto, motor und sport“, ein ähnlicher Sachverhalt vorgeworfen. Der ehemalige McLaren- Ingenieur Phil Mackereth soll mehrere Disketten mit brisanten Daten zu Konstruktionsplänen bei seinem Arbeitsplatzwechsel zu Renault eingeschleust haben.

DCRS ONLINE meint: Ohne Schumi und mit derartigen, unsportlichen Machenschaften, macht die Formel 1 da überhaupt noch Spaß? Muss man auch hier, wie beim Radsport, mit einem massiven Image-Verlust rechnen?

Artikel vom 13. September 2007

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