Therapierte HIV-Infizierte angeblich nicht infektiös

Von Andre Bergmann

Die Population einer schweizer Aids-Studie sorgt derzeit für massive Proteste und Unsicherheit. Angeblich sollen therapierte HIV-Infizierte beim ungeschützten Geschlechtsverkehr den Virus nicht weitergeben. Das Risiko liege nach einer erfolgreichen Therapie genauso hoch, wie ein Flugzeugabsturz.

Daher könnten Paare mit einem HIV-Infizierten dann auch ungeschützten Geschlechtsverkehr haben und sogar Kinder zeugen.

Die geht die Studie davon aus, dass die HIV-Infizierten sich konsequent einer retroviralen Behandlung unterziehen müssten und dass in einer Periode von sechs Monaten keine Viren mehr im Blut der Infizierten nachgewiesen werden.

Die Studienergebnisse stammen von der “Eidgenössischen Kommission für Aidsfragen” und werden durch deren Präsident Pietro Vernazza verteidigt. Die EU-Kommission sieht jedoch in der Studie eine Untergrabung der Regeln, die für “Safe Sex” gelten würden.

Die Eidgenössische Kommission für Aidsfragen hatte mitgeteilt, dass Sex ohne Kondom für konsequent antiretroviral therapierte HIV-Infizierte möglich sei. Diese Einschätzung wird nicht überall geteilt, sie stösst auf Skepsis unter anderem bei der EU-Kommission und der WHO.

Aus Sicht der EU-Kommission sollten die Studien, auf welche sich die schweizerische Kommission stützt, „unsere Aufmerksamkeit nicht von unseren Initiativen, der Förderung von ’safe sex’, ablenken“. Dies sagte die Sprecherin von EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou zur Nachrichtenagentur SDA.

Die Kommission unterstrich, dass sich die Information ja nur an eine Gruppe von Personen richte, die gewisse Voraussetzungen erfüllen: Im Blut dürfen seit mindestens sechs Monaten keine Viren nachgewiesen worden sein. Die antiretrovirale Therapie muss konsequent eingehalten und regelmässig kontrolliert werden.

Und die HIV-infizierte Person darf nicht Trägerin einer anderen sexuell übertragbaren Infektion sein.

Unter diesen Bedingungen sei in Partnerschaften, bei welchen ein Partner HIV-positiv ist, Sex ohne Präservativ denkbar, lautet die schweizerische Einschätzung.

Die EU-Kommission mache nicht spezifische Empfehlungen für spezielle Gruppen, fügte die Sprecherin an. Jedoch müsse man vorsichtig sein. Man dürfe nicht die falsche Botschaft mit solchen Studien verbreiten, zum Beispiel, dass Aids eine weniger bedeutsame Krankheit geworden sei.

„Wir sollten weiterhin die Bedeutung von ’safe sex’ für die Prävention von HIV/Aids betonen“, ergänzte sie.

Auch aus Frankreich kommt Kritik. Der nationale Aidsrat (Conseil national du sida, CNS) distanzierte sich von der Einschätzung der schweizerischen Kommission. Die Daten, auf die sich letztere stütze, seien zu wenig gesichert, wurde der CNS von der französischen Nachrichtenagentur AFP zitiert.

Die zugrunde liegenden Studien - aus Spanien, Brasilien und Uganda - seien mit zu kleinen Stichproben durchgeführt worden, um das Risiko mit genügender Sicherheit ausschließen zu können. Es sei deshalb voreilig, solche Einschätzungen abzugeben.

Es gebe keine 100-prozentige Sicherheit, hieß es am Freitag auf Anfrage der SDA bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die WHO werde jedenfalls ihre eigenen Empfehlungen nicht ändern, sagte Sprecherin Fadela Chaïb. Die Verwendung von Kondomen biete immer noch den besten Schutz vor der Ausbreitung von Aids.

Der Geschäftsführer der Zürcher Aids-Hilfe, Reto Jeger, hält diese Art von Aufklärung für „fatal“, wie er in einem Interview mit der Gratiszeitung „News“ vom Freitag sagte. „Man hätte diese Entdeckung besser nicht breit publiziert.“

Die Gefahr sei groß, dass nun falsche Schlüsse gezogen würden und sich die Leute nicht mehr schützten. „Die Meldung erweckt den Eindruck, Aids sei heilbar. Das ist falsch“, sagte Jeger. In der Schweiz infizierten sich nach wie vor täglich zwei Personen mit dem HI-Virus.

Der Präsident der Eidg. Kommission für Aidsfragen (EKAF), Pietro Vernazza, sagte auf Anfrage der SDA, man sei an die Öffentlichkeit gegangen, weil man nur so das Umfeld der Betroffenen, aber auch die Ärzteschaft und die Rechtsprechung erreichen könne.

Zur Kritik aus Frankreich sagte er, die EKAF möchte den festen Partnern die Entscheidung überlassen, wie sie mit dem Restrisiko umgehen wollten. Wichtig sei, dass man über Risiken ehrlich kommuniziere, das helfe auch der Prävention. Das EKAF-Papier bestätige im Übrigen die EU-Kommission: „Die Präventionsbotschaft bleibt völlig unverändert.“

DCRS meint: Jeder Dummschwätzer wird diese Studie als Ausrede benutzen, um keinen Gummi zu benutzen! „Ich habe therapiert“ ist dann genauso viel wert wie „Ich bin ganz bestimmt HIV-negativ“ !

Artikel vom 3. Februar 2008
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