Trotz Toten weitet sich Widerstand in Tibet aus

Von Eleonore Matschge

Trotz Toten weitet sich Widerstand in Tibet aus
Seit Sonntag haben die chinesischen Behörden ihre Vorgehensweise gegen tibetische Demonstranten in der tibetischen Hauptstadt Lhasa massiv verschärft. Angeblich ohne Waffengewalt, gehen die Behörden gegen demonstrierende Mönche und Einheimische vor, durchsuchen Häuser und nehmen vor allem junge Tibeter und ehemalige, politische Häftlinge fest.

Trotzdem die chinesische Regierung beteuert keine Waffengewalt anzuwenden, sind der Niederschlagung des Aufstandes bereits zahlreiche Menschen zum Opfergefallen.

Vonseiten der Sicherheitskräfte habe es in Lhasa “keine Schüsse gegeben”, sagte der Präsident der autonomen Region Tibet, Qiangba Puncog, am Montag in Peking. Die chinesische Volksarmee sei nicht an der Niederschlagung der Proteste beteiligt gewesen, sondern sei erst nach den Unruhen eingesetzt worden, um die Stadt aufzuräumen und die Ordnung aufrecht zu erhalten.

Die “tibetischen Aufständischen” hätten 13 “unschuldige Menschen” getötet, sagte Puncog weiter. “Sie haben 13 unschuldige Zivilisten erschlagen oder verbrannt.” Zuvor hatten die chinesischen Behörden von zehn Todesopfern gesprochen. Laut der Exilregierung wurden 80 Menschen bei den Protesten getötet.

Das in Indien im Exil lebend Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama, verurteilte das vorgehen der chinesischen Regierung unterdessen als Völkermord. Tausende Menschen, unter ihnen zahlreiche buddhistische Mönche, hatten am Sonntag in Aba (Ngaba) in der Provinz Sichuan demonstriert. Eine Polizeistation wurde von den Demonstranten angegriffen und in Brand gesteckt, wie Bewohner telefonisch berichteten. Laut Polizeiangaben trieben die Sicherheitskräfte die Menge mit Tränengas auseinander, fünf Menschen seien verhaftet worden. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama, forderte Untersuchungen, ob in Tibet ein “kultureller Völkermord” verübt werde. Unterdessen lässt China Ausländer staatlichen Medien zufolge nicht mehr nach Tibet.

Ausländischen Touristen, die sich in Tibet aufhielten, wurde zudem nahegelegt, in den kommenden Tagen das Himalaya-Gebiet zu verlassen. Die Luftfahrt-, Eisenbahn- und Straßenämter würden Reisenden “entgegenkommen”, falls diese ihren Aufenthalt vorzeitig beenden wollten.

In die tibetische Hauptstadt Lhasa durften ausländische Touristen nach Angaben von Augenzeugen bereits seit einigen Tagen nicht mehr. Sicherheitskräfte riegelten die Stadt ab, nachdem es dort zu den schwersten Ausschreitungen seit fast zwei Jahrzehnten gekommen war. Mehrtägige Demonstrationen zum 49. Jahrestag des blutig niedergeschlagenen Aufstands gegen die chinesische Herrschaft und der Flucht des Dalai Lama waren am Freitag in Lhasa außer Kontrolle geraten.

“Ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt” gebe es derzeit einen “kulturellen Völkermord” in Tibet, sagte der von der Pekinger Führung für die Unruhen verantwortlich gemachte 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso, am Sonntag am Sitz der Exilregierung in Dharamsala in Nordindien. Der Friedensnobelpreisträger drückte in einem BBC-Interview die Befürchtung aus, dass es zu noch mehr Blutvergießen kommen werde. Peking verlasse sich auf Gewalt, um Ruhe durchzusetzen. Zugleich sprach er sich gegen einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking aus.

Chinas kommunistische “Volksbefreiungsarmee” war 1950 in Tibet einmarschiert. Im März 1959, nach der blutigen Niederschlagung einer Volkserhebung, waren der Dalai Lama und die tibetische Regierung mit mehr als 100.000 Landsleuten nach Indien geflohen. Der Dalai Lama hatte Peking wiederholt schwere Menschenrechtsverstöße in seiner Heimat vorgeworfen, unter anderem Zwangsabtreibungen und Zwangssterilisationen, sowie “kulturellen Völkermord” durch massiven Bevölkerungstransfer.

Artikel vom 17. März 2008

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