Unsere Geschichte ist männlich

Ein Kommentar von Helga Wolf

Unsere Geschichte ist männlichZu Schulzeiten fiel es mir nie auf. Geschichte ist eben Geschichte. Unser aller Geschichte, wie ich dachte. Eines meiner Lieblingsfächer.

Geschichtsbücher aufgeschlagen, durchgelesen, mehr oder weniger auswendig gelernt, Arbeiten geschrieben. So allmählich über die Jahre ergab sich ein Gesamtbild unserer Vorfahren, ihrer Erlebnisse, Kriege, Jahreszahlen, großer Persönlichkeiten. Dachte ich damals, wie gesagt. Niemals wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass da etwas wesentliches fehlt, was leider für meine damalige Konditionierung spricht.

In den 80igern und 90igern entdeckte ich erst ein, dann noch ein paar Bücher und Hefte, die Frauenbiographien zum Inhalt hatten. Ich war gelinde gesagt erstaunt. Bis dato kannte ich lediglich Namen wie die geheimnisvolle Kleopatra und war da nicht eine Katharina, die Männer blutrünstig im Vorbeigehen umlegen ließ sowie ein paar bekannte Königinnen? Die berühmten Ausnahmen eben und meist hatten sie seltsamerweise einen eher negativen Charakter. Fast durchweg waren sie männerfressend, blutgierig, intrigant, verlogen oder wurden als heilige Jungfrauen hochgelobt.

Die Geschichtsbücher voller männlicher Parts waren?

Ja, wir ahnen oder wissen es: Helden, Führungskräfte, Künstler, die doch meist zu Lebzeiten verstanden, geliebt, gefördert, gewürdigt und belohnt wurden.

Es mutet schon seltsam an, wie unterschiedlich gewertet wurde und immer noch wird.

Ein Gedankensprung:

Vor einigen Monaten fragte ich anlässlich einer kleinen Frauenrunde die Gastgeberin, wie viele Programme sie hätte. Sie sagte es mir und fragte nach dem Warum. - Wetten, dass von deinen 28 Programmen mindestens auf 25 Männer zu sehen sind, die im Vordergrund spielen, reden, kommentieren oder als Gesprächsthema im Mittelpunkt stehen? Sie lachten ungläubig und natürlich wurde sofort durchgezappt und laut mitgezählt. Es waren 26.

Zufall?

Schalten wir doch mal die Flimmerkiste an, sofern sie nicht sowieso läuft und hoppen mal im Zwei-Sekunden-Takt durch die Channels.

Ein amerikanischer Kriegsfilm. Keine Frau weit und breit zu sehen. Zwei Moderatoren, die uns über aktuelle Themen informieren. Ein Schwarz-Weiß-Film, in dem einer Frau klar gemacht wird, dass Aufbegehren gegen Männer keinen Wert hat. Männerfußball plus dazugehöriger Schlägerei. Eine entblößte, vergewaltigte Frauenleiche auf einem Seziertisch. Zählt das? Sicherlich nicht. Klick. Eine Frau im Mini erzählt uns etwas über Schönheitsoperationen, hin und wieder klingt Kritik an, wenn es darum geht, dass frau sich für ihren Freund unters Messer legen will. Wie schön. Klick. Zwei Frauen fallen wie die Furien übereinander her. Das kann nur der *Frauentausch* sein. Welche ist wohl die bessere Hausfrau und Mutter? Eva Herrmann hätte ihre Freude daran.

Oh Alice Schwarzer im Interview. Ich versuche großzügig zu übersehen, dass der Moderator sowie die geladenen Bühnengäste ironisch-verständnisvoll grinsen, derweil sie vermutlich anlässlich der Pornodebatte ihr eigenes Hirnkino ablaufen lassen. Klick. Ein Pädokrimineller holt sich ein Kind von einem Spielplatz. Nachrichten: Ein Mann hat seine Familie umgebracht. Werbung: Eine Frau verteidigt erfolgreich ihr familiäres Kleinunternehmen. Ein Unternehmer vermilchreist.

Seh ich das womöglich zu einseitig? Auch Fernsehen ist und wird Geschichte.

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, genau:

Irgendwann kam meine Internetzeit und ich las immer mehr weibliche Namen, Biographien von starken Frauen der Vergangenheit und Gegenwart. Frauen fingen an, auf ihren Homepages frauengeschichtliches zusammenzutragen.

Eine neue ungeheuerliche Welt tat sich urplötzlich für mich auf. Frauen haben eine Geschichte!

Es gab so viele begabte, kreative und starke Frauen, die es verdient hätten, nicht verschwiegen zu werden?

Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen in solchem Ausmass? Frauenrechtlerinnen, die bereits vor mehreren Jahrhunderten für sich und uns gekämpft haben? Frauen, die ihrer Zeit weit voraus waren, die mutig waren, selbständig, ja sogar autark; die sich nicht haben unterkriegen lassen, sofern sie lebenslangem Irrenhaus-Siechtum entgehen konnten, weil sie aus der vorgeschriebenen “Norm” und damit dem Patriarchat (auf-)fielen oder durch verwandtschaftlichen und gesellschaftlichen Druck einfach zum Schweigen gebracht und zuletzt dadurch psychisch wie physisch schwer krank wurden.

Es gab Frauenzeitschriften bereits vor zwei Jahrhunderten, deren Redaktionen vom Staat immer wieder gestürmt, lahmgelegt und verboten wurden.

Unglaublich!

Ich fragte mich beim Durchlesen, neugierig wie ich bin, wie viele wissen, dass der berühmte Freud`sche Fall Anna O. Bertha Pappenheim war, die jüdische Frauenrechtlerin und Sozialarbeiterin, die von ihm zu einem öffentlichen Hysteriefall zu Studienzwecken gemacht wurde.

Wie viel Helene Keller, blind und gehörlos, erreicht hat für Kinder, die ein ähnliches Schicksal hatten wie sie und das in Zeiten, in denen behinderte Kinder keinerlei Lobby hatten.

Ada Augusta Byron war “der” erste Programmierer der Welt unter dem Pseudonym A.A.L.. Eine Frau, geboren 1815! Wenn also das US-Militär echtzeitlich von ADA redet…

Und haben nicht die Beginen der Gesellschaft das Fürchten gelehrt, weil sie sich friedlich zusammengefunden hatten, tatsächlich in der Lage waren, sich selbst zu ernähren und unverschämter sowie verbotenerweise Geschäftsfähigkeiten zeigten? Der Hexenhammer hat sie kurzerhand vernichtet, denn es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Emmeline Pankhurst, beherzte Kämpferin fürs Frauenwahlrecht, die zusammen mit vielen anderen ein ganzes Land in Aufruhr brachte.

Ja, ich weiß, das waren jetzt durchweg Frauen, die aus gutem Hause und mit Geld gesegnet waren; dennoch hatten auch sie große Probleme, sich durchzusetzen und zu verwirklichen, steckten sie doch alle in ihrer vorgeprägten Rolle fest und wurden unweigerlich bestraft, wenn sie ausbrachen.

Aber es gab auch andere, weniger begüterte:

Susan B Anthony, Frauenrechtlerin, aufgewachsen in einer kinderreichen Familie, verdiente als Lehrerin nur ein Viertel dessen, was Männer bekamen.

Adelheid Reinbold (Schriftstellerin) alias Franz Berthold, 1800 bis 1939, aufgewachsen in einem verarmten Beamtenhaushalt als Älteste von 12 Geschwistern.

Hannelore Schröder, deutsche Patriarchatsforscherin und feministische Theoretikerin mit unglaublich hartem Lebenslauf.

Nur wenige Beispiele von vielen Tausenden. Mit wie viel Gegenwind, Hass, Ausschlüssen und Machtdemonstrationen auch die ersten studierenden Frauen - z.B. angehende Ärztinnen, die den Vorträgen zu Frauenthemen, sprich gynäkologischen Vorlesungen von Männern überhaupt wenigstens hinter Vorhängen nach massiver Gegenwehr beisitzen durften, um einen Abschluss zu bekommen - zu kämpfen hatten, ist für uns heute nicht mehr zu ermessen oder nachzufühlen, höchstens zu erahnen.

Mir fällt abschließend noch folgendes Zitat ein:

Ich stehe auf den Schultern der Frauen, die vor uns so hart um ihre und unsere Rechte gekämpft haben. Das vergesse ich nicht.

(Melissa Ehteridge, (geb. 1961), amerikanische Musikerin, 1999)

Bei Interesse sind die Frauenportraits größtenteils bei fembio nachzulesen.

Artikel vom 11. Juni 2008

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