Weihnachtsansprache von Bundespräsident Horst Köhler 2007
Das Miteinander von Jung und Alt hat Bundespräsident Horst Köhler in seiner Weihnachtsansprache 2007 besonders angemahnt. Er wolle, dass die Erfahrung und Gelassenheit der Älteren sich mit dem Ungestüm und der Neugier der Jugend verbindet, erklärte Köhler. Die gestiegende Lebenserwartung in Deutschland sei als großes Geschenk zu betrachten und man müsse noch achtsamer damit umgehen. Die Begabungen und Vorteile des Alters dürfen nicht vergeudet werden.
Zugleich wies der Bundespräsident darauf hin, dass „gerade die jungen Familien viel zu tragen“ hätten. Die Arbeitswelt sei sicherlich härter geworden, und die Last der Kosten und Abgaben sei hoch. Dennoch sei das Verhältnis zwischen den Generationen „ein Schatz, der allen zugute kommt und den wirklich jeder mehren kann“.
Die Weihnachtsansprache von Bundespräsident Horst Köhler in ungekürzter Form:
„Liebe Landsleute, meine Frau und ich wünschen Ihnen frohe und gesegnete Weihnachten. Ganz gleich wo Sie das Fest verbringen und wie Sie es begehen: Wir wünschen Ihnen eine gute Zeit in Gemeinsamkeit mit Menschen, die Ihnen am Herzen liegen.
Viele von uns können auf ein gutes Jahr zurückblicken: Auf Wünsche, die in Erfüllung gegangen sind; auf Anstrengungen, die sich gelohnt haben. Für manche von uns ist der Rückblick aber auch mit schmerzlichen Erinnerungen verbunden: an den Verlust lieber Menschen, an Schicksalsschläge oder an Hoffnungen, die unerfüllt geblieben sind. Allen, die Weihnachten nicht unbeschwert feiern können, wünsche ich von Herzen Kraft und Zuversicht.
Auch in diesem Jahr habe ich mich wieder recht viel in unserem Land umgeschaut und ich bin dankbar für das, was ich von den Menschen erfahren habe. Sie haben mir von ihren Sorgen und Nöten erzählt, aber auch davon, wie sie spüren, dass es wieder besser geht in Deutschland. Eines berührt mich dabei immer besonders: Die Bürger finden sich zusammen, wo sie vor gemeinsamen Problemen stehen, und sie machen sich daran, miteinander Lösungen zu finden, oft auch ganz unabhängig von Ämtern und Behörden.
So entsteht etwas: Kinderspielplätze und Theatergruppen und Jobbörsen für Arbeitslose und Schulpartnerschaften zum Beispiel. Und am Ende entdecken die Menschen mit Freude: Wir haben mehr erreicht, als eine Lücke zu füllen - wir haben gemeinsam etwas Sinnvolles geschaffen, das uns zeigt, wie viel schöpferische Kraft in uns steckt und wie viel eben doch von uns selbst abhängt; wir haben Bestätigung erfahren, und wir haben auch etwas gegen Einsamkeit getan. Immer mehr stehen Leute füreinander ein, die erst ein gemeinsames Ziel zusammengebracht hat, und sie finden darin etwas von dem Halt, den jeder von uns braucht. Das ist eine gute Nachricht.
Wollen wir uns einmal ausmalen, was passierte, wenn Jung und Alt in Deutschland richtig entdecken, was sie gemeinsam möglich machen können? Denn schauen Sie: in den vergangenen 100 Jahren ist die Lebenserwartung bei uns um 30 Jahre gestiegen. Die gewonnenen Jahre sind ein großes Geschenk. Aber ich glaube manchmal, wir gehen damit noch nicht achtsam genug um. Da werden immer noch Menschen aufs Altenteil geschoben, die viel können, die viel Erfahrung haben und auch noch viel Kraft. Und so viele von ihnen möchten etwas weitergeben an die Jungen.
Ich denke an den Kirchenmusiker in Sachsen, der Kindern bei den Hausaufgaben hilft. Ich denke an die pensionierte Lehrerin in Hamburg, die weiß, wie wichtig im Leben gute Manieren sind und sie Schülerinnen und Schülern beibringt, ganz gleich wo sie herkommen. Ich denke an den Manager, der nach dem Ende seiner Berufslaufbahn jungen Leuten hilft, ihr eigenes Unternehmen zu gründen, und an den Handwerksmeister, der als Ruheständler nach Afrika fährt, um dort Lehrlinge auszubilden.
Ich finde, es lohnt sich, an solche Beispiele anzuknüpfen. Ich möchte, dass die Erfahrung und die Gelassenheit der Älteren eine Verbindung eingeht mit dem Ungestüm und der Neugier der Jugend. Und ich bin sicher: wo das gelingt, da kommt Gutes heraus. Ich danke allen, die das schon jetzt täglich beweisen: den vielen Großeltern, die sich um ihre Enkel kümmern, und den Älteren, die auf die Kinder in ihrer Nachbarschaft achten und ein gutes Wort für sie haben. Wir wissen alle, wie wichtig solche Achtsamkeit ist. Ich danke auch den jungen Leuten, die für ihre älteren Angehörigen da sind.
Dabei haben gerade die jungen Familien viel zu tragen. Die Arbeitswelt ist sicherlich härter geworden, und die Last der Kosten und Abgaben ist hoch. Aber was wir zwischen den Generationen schon heute an Vertrauen und Hilfe haben, und was wir noch möglich machen können, das ist ein Schatz, der allen zugute kommt und den wirklich jeder mehren kann.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, ich möchte an diesem Abend allen danken, die an den Festtagen Dienst tun. Und einen dankbaren Gruß aus der Heimat sende ich an unsere Soldatinnen und Soldaten, unsere Polizisten und unsere Entwicklungshelfer, die sich im Ausland für den Frieden in der Welt einsetzen. Meine Gedanken sind in dieser Stunde auch bei den Familien derer, die bei Auslandseinsätzen ums Leben gekommen sind.
Liebe Landsleute, Weihnachten, das ist für viele von uns beides: eine Zeit der Besinnung auf das, was uns wirklich wichtig ist – und eine Zeit, um neue Zuversicht zu schöpfen und mit frischem Mut
voranzugehen. Nehmen wir etwas mit von dieser besonderen Stimmung in die Zeit zwischen den Jahren und in die Zeit danach. Meine Frau und ich wünschen Ihnen allen besinnliche Festtage und ein gutes, friedvolles Neues Jahr.“
DCRS ONLINE meint: Worte, denen Taten folgen müssen, damit sie wirken können.





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